Jüdische Gemeinden in Deutschland im Wandel: Objekte, Räume und Traditionen als Spiegel religiöser Transformationsprozesse nach der Schoa

ABGESAGT | CANCELLED   Internationale Tagung / Call for Papers / Braunschweig, 17.–19. März 2020

Um die Übertragungswege des Corona-Virus zu unterbrechen, entfällt die Konferenz. | To interrupt the transmission of the corona virus, the conference is cancelled.

 

english version below

 

Chanukka-Leuchter in Bankform mit Schamasch und kleinem Krug mit gedrehtem Henkel für Öl. Dauerleihgabe Familie Spokojny. © JMAS/Franz Kimmel

Veranstalter:

Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur, Technische Universität Braunschweig

Braunschweigisches Landesmuseum

Europäisches Zentrum für jüdische Musik, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Jüdisches Museum Augsburg Schwaben

 

Veranstaltungsort: Technische Universität Braunschweig

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges etablierten sich in vielen Orten Deutschlands sehr rasch – oft nur wenige Tage nach Kriegsende – jüdische Gottesdienste und Gemeinden bzw. Gemeinschaften. Die kleinen, in sich heterogenen und unter oft schwierigen Bedingungen entstandenen jüdischen Gemeinschaften gaben den Überlebenden Halt und Hoffnung. Etwa 15.000 deutsche Jüdinnen und Juden waren zu Kriegsende in Deutschland – als Überlebende oder aus der Emigration zurückgekehrt. Die Jahrzehnte des Wiederaufbaus jüdischen Lebens in Deutschland fanden in verschiedenen Phasen statt und waren eng mit der sich wandelnden soziokulturellen Zusammensetzung der Gemeinden verbunden: Neben den wenigen deutschen Jüdinnen und Juden und den DPs, die sich entschieden hatten, im Land zu bleiben, beeinflussten auch jene, die in den 1960er Jahren nach einem gescheiterten Auswanderungsversuch nach Deutschland zurückgekehrt waren, das Gemeindeleben. Die seit 1945 stattfindenden Transformationsprozesse spiegeln sich vor allem in der religiösen Praxis mit ihren sakralen Räumen, Objekten und musikalischen Traditionen wider.

Anfangs waren die ersten für den Gottesdienst genutzten Objekte und Räume provisorisch, aber schon mit den anfänglichen Umbauten und spätestens den ersten in Ost- und Westdeutschland neu errichteten Synagogen – 1952 in Erfurt und Stuttgart – hatte sich jüdisches Leben teilweise wieder etabliert. Durch den Bruch der Schoa und die damit verbundene Neuzusammensetzung der Gemeinden unterschieden sie sich in Liturgie und Gebetspraxis von jener der Vorkriegsgemeinden. Beeinflusst waren diese u.a. durch jüdische Hilfsorganisationen (e.g. Joint Distribution Committee, Jewish Relief, Chief Rabbi Emergency Fund, Jewish Cultural Reconstruction JCR …), die Ritualobjekte und sogar Rabbiner und Kantoren in die Gemeinden entsandten.

Aber auch in der Folgezeit veränderten sich Liturgie und Objekte des Gottesdienstes: Ritualobjekte wurden ersetzt und neue Synagogen wurden errichtet, der synagogale Gesang war größtenteils vom sog. Minhag Polin der Überlebenden-Generation geprägt und wich mit dem demographischen Umbruch Mitte der 1980er-Jahren einer standardisierten, internationalen Tradition des liturgischen Gesangs. Schließlich veränderte in den 1990er-Jahren nicht nur der Zuzug von Jüdinnen und Juden aus den GUS Staaten das jüdische Gemeindeleben und den Gottesdienst. Auch das 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg in Berlin, das seither Rabbiner und seit 2008 auch Kantoren für Europa ausbildet, nimmt einen wesentlichen Einfluss auf das religiöse Selbstverständnis der jüdischen Gemeinden in Deutschland und deren religiöse Praxis. Die Nachkriegszeit kann somit als Phase der Transformation des Judentums betrachtet werden, die konstitutiv für die weitere Entwicklung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland und weit darüber hinaus werden sollte.

Die Tagung will fragen, wie sich der Neubeginn jüdischen Lebens in Deutschland nach der Schoa in Objekten, Räumen und religiösen bzw. musikalischen Praktiken widerspiegelt. Mögliche Themenfelder könnten sein:

  • Woher stammten Ritualobjekte und musikalische Traditionen?
  • Wie entwickelten sich Ritualobjekte, Synagogen, Religionspraxis und Musik seit 1945? Woran lassen sich eventuelle Brüche oder Kontinuitäten in der Geschichte der Gemeinden ablesen?
  • Welchen Wert haben „Relikte“ der Vorkriegszeit und des Neuanfangs für die heutigen Gemeinden?
  • Welche Rolle spielt das Gedenken an die Schoa und ihre Opfer in der Synagoge und der religiösen Praxis?
  • Inwiefern reflektieren Ritualobjekte, Räume, liturgische Traditionen und ihre Musik tatsächlich das jüdische Selbstverständnis in Deutschland bzw. in den einzelnen Gemeinden heute?
  • Welche Unterschiede zwischen einzelnen Gemeinden können festgemacht werden?
  • Wie wurde und wird das jüdische religiöse Leben der Nachkriegszeit in Museen präsentiert?

Die Konferenz will die Forschung zu jüdischen Objekten, Räumen, Religionspraxis und ihrer Musik der Nachkriegszeit kritisch in den Blick nehmen. Obwohl der Fokus der Betrachtungen auf Deutschland liegen soll, sind vergleichende Beiträge zu Entwicklungen der angrenzenden Länder willkommen.

Die einzelnen Beiträge sollen eine Länge von 20 Minuten nicht überschreiten, um ein möglichst breites Spektrum von Thesen, Methoden und Argumenten zur Diskussion stellen zu können. Bitte reichen Sie eine Zusammenfassung (max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) und einen Kurzlebenslauf ggf. mit Angaben zur institutionellen Anbindung bis zum 30. September 2019 ein. Eine Publikation ausgewählter Beiträge ist beabsichtigt.

Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.

 

Bitte senden Sie Ihre Zusammenfassung und Ihren Lebenslauf oder auch Ihre Fragen an folgende Adresse:

Technische Universität Braunschweig

Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur

Pockelsstraße 4, 38106 Braunschweig

Tel. +49 (0)531 391 2526

Katrin Keßler, k.kessler@tu-bs.de

 

 

Changing Jewish Communities in Germany: Objects, Spaces and Traditions as Reflections of Religious Transformations after the Shoah

International Conference, 17-19 March 2020

After the end of the Second World War, Jewish communities established themselves quickly in many places in Germany – in some cases only a few days after the end of the war. The small, heterogeneous Jewish communities often developed under difficult conditions but gave the survivors stability and hope. Approximately 15,000 German Jews lived in Germany by the end of the war – having survived the Shoah or having returned from emigration. The decades of reconstruction of Jewish life took place in different phases that were closely linked to the changing socio-cultural composition of the communities. In addition to the few German Jews and the DPs who had decided to remain in the country, were those who had returned to Germany in the 1960s after a failed attempt to emigrate. The latter group also influenced community life. The transformation process that has taken place since 1945 is reflected in many ways. Its impact on religious practice with its sacred spaces, objects and musical traditions will be in the focus of the conference.

Initially, the first religious objects and rooms used for worship services were temporary, but Jewish life had partly re-established itself with conversion of buildings and, at the latest, the first synagogues newly built in East and West Germany – in Erfurt and Stuttgart in 1952. Owing to the devastation caused by the Shoah and the subsequent new composition of the congregations, communal religious practice differed in terms of liturgy and prayer traditions from those of the pre-war communities. In addition, they were influenced by Jewish aid organizations (e.g. Joint Distribution Committee, Jewish Relief, Chief Rabbi Emergency Fund, Jewish Cultural Reconstruction JCR …), which sent ritual objects and even rabbis and cantors to the congregations.

Ritual objects were replaced and new synagogues were built, the liturgy was largely influenced by the ‘Minhag Polin’ of the surviving generation. The demographic upheaval of the mid-1980s gave way to a standardized, international tradition of liturgical singing. It was not only the influx of Jews from the CIS states that changed Jewish community life and worship in the 1990s. The Abraham Geiger College in Berlin, which was founded in 1999 and has been training rabbis and since 2008 as well as cantors for Europe, has a significant influence on the religious self-image of the Jewish communities in Germany and their religious practice. The post-war period can thus be regarded as a phase of transformation of Judaism, which was and still is formative in terms of the further development of Jewish life and culture in Germany and beyond.

The conference will address how the re-emergence of Jewish life in Germany after the Shoah is reflected in objects, spaces and religious or musical practices. Possible subject areas could focus on answering the following questions:

– Where did ritual objects and musical traditions come from?

– How have ritual objects, synagogues, religious practices and music developed since 1945? What are the signs of possible ruptures or continuities in the history of the communities?

– What value do “relics” of the pre-war period and the new beginning have for today’s communities?

– What role does the memory of the Shoah and their victims play in the synagogue and in religious practice?

– To what extent do ritual objects, spaces, liturgical traditions and their music actually reflect the Jewish self-image in Germany or in the individual congregations today?

– What differences can be identified between congregations?

– How was and is Jewish religious life in the post-war period presented in museums?

The conference will take a critical look at research on Jewish objects, spaces, religious practices and music of the post-war period. Although the focus will be on Germany, comparative contributions on developments in neighbouring countries are welcome.

The individual contributions should not exceed a length of 20 minutes in order to be able to present the broadest possible spectrum of theses, methods and arguments for discussion. Please submit a summary (max. 2,000 characters incl. spaces) and a short CV with details of the institutional affiliation by September 30, 2019. A publication of selected contributions is intended.

Conference languages are German and English.

 

Please send your summary and curriculum vitae or any questions to the following address:

Technische Universität Braunschweig

Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur

Pockelsstraße 4, 38106 Braunschweig

Tel. +49 (0)531 391 2526

Katrin Keßler, k.kessler@tu-bs.de