Nachruf auf Liese Fischer

Wir trauern um Liese Fischer

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Liese Fischer bei den LEBENSLINIEN, 2012 © JMAS

Liese Fischer, geb. Einstein war die letzte Überlebende der jüdischen Gemeinde Kriegshaber. Am 18. Dezember 2019 ist sie im Alter von 94 Jahren gestorben.

Liese Fischer kam 1925 zur Welt. Sie wuchs in Augsburg-Kriegshaber in der Ulmer Straße 185 im Kreis der Großfamilie auf, der die renommierte Viehhandlung „Gebrüder Einstein“ gehörte. Der nationalsozialistischen Judenverfolgung entkam sie im Juli 1939. Ihre Eltern Moriz und Lydia Einstein hatten sich nach den Novemberpogromen entschieden, Liese mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Siegbert mit einem Kindertransport nach Großbritannien in Sicherheit zu bringen. Sieben Monate nach ihrer Ankunft verlor Liese ihren Bruder durch eine Herzentzündung. Seitdem war sie auf sich allein gestellt. Mit ihren Eltern stand sie noch bis 1943 in Briefkontakt, danach erhielt sie keine Nachrichten mehr. Dass sie im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden, erfuhr sie erst nach Kriegsende.

Als Liese mit 16 Jahren selbst für sich sorgen musste, verdiente sie ihren Unterhalt zunächst als Hausangestellte. Im Frühjahr 1943 begann sie eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester in Manchester. Nach dem Abschluss ging sie 1947 in die USA, um bei den dorthin emigrierten Geschwistern ihrer Mutter zu leben. 1954 heiratete Liese den aus Breslau stammenden Harry Fischer. Mit ihm gründete sie in New York eine eigene Familie. Liese Fischer lebte zuletzt in Silver Spring, Maryland.

Dem Jüdischen Museum Augsburg Schwaben war sie stets verbunden. 2012 war sie zu Gast bei unseren LEBENSLINIEN und berichtete bei einer Matinee und bei Workshops für Schüler*innen von ihrem bewegten Leben.

Auch in unserer vergangenen Ausstellung „Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015“ war Liese Fischer vertreten. Neben einem berührenden Interview mit ihr, erzählten wir, wie sie mit ihrem Bruder auf einen Kindertransport geschickt wurde und ein neues Leben in Großbritannien und den USA begann.

Für unsere aktuelle Ausstellung „Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge“ hat sie uns das letzte Foto ihrer Eltern geliehen. Nun können wir es ihr nicht mehr persönlich zurückgeben.

Wir werden Liese Fischer stets ein ehrendes Andenken bewahren.

 

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We mourn Liese Fischer

Liese Fischer, née Einstein, was the last survivor of the Jewish community Kriegshaber. She died on December 18, 2019 at the age of 94.

Liese Fischer was born in 1925. She grew up in Augsburg-Kriegshaber in the Ulmer Straße 185 in the circle of the extended family who owned the renowned cattle trade „Gebrüder Einstein“ (Einstein Brothers). In July 1939, she escaped the Nazi persecution of the Jews. After the November pogroms, her parents Moriz and Lydia Einstein had decided to take Liese and her brother Siegbert, who was one year older, to safety in a Kindertransport to Great Britain. Seven months after her arrival, Liese lost her brother to heart disease. Since then she has been on her own. She remained in correspondence with her parents until 1943, after which she received no more news. That they were deported to Auschwitz in March 1943 and murdered there, she only found out after the war ended.

When Liese had to fend for herself at the age of 16, she earned her living first as a domestic servant. In the spring of 1943 she began her training as a children’s nurse in Manchester. After graduating, she went to the USA in 1947 to live with her mother’s siblings who had emigrated there. In 1954 Liese married Harry Fischer, who was born in Breslau. With him she founded her own family in New York. Liese Fischer last lived in Silver Spring, Maryland.

She was always in touch with the Jewish Museum Augsburg Swabia. In 2012 she was our guest at the LIFELINES series and told us about her moving life during a matinee and workshops for students.

Also in our last exhibition „Across Borders, Beyond Limits. Children on the Run 1939/2015“ Liese Fischer was represented. Besides a very moving interview with her, we told how she was sent on a Kindertransport with her brother and how she started a new life in Great Britain and the USA.

For our current exhibition „The City Without. Jews Foreigners Muslims Refugees“ she lent us the last photo of her parents. Now we cannot give it back to her personally.

We will always keep Liese Fischer in honorable memory.

Photo: Liese Fischer at the LIFELINES series, 2012 © JMAS