Objekt des Monats – Liste der Tora-Rollen, 19. Jahrhundert

In unserer Zweigstelle Ehemalige Synagoge Kriegshaber zeigen wir aktuell die Wechselausstellung Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? Judaica aus dem Umfeld der Synagoge Kriegshaber. Bis zur Finissage am 17. Juni stellen wir jeden Monat eins der 23 Objekte und seine Geschichte vor.

 

Liste der Tora-Rollen, Kriegshaber, 19. Jahrhundert

Liste der Tora-Rollen, 19. Jh.

Die mit Pergament umkleidete Holztafel gehört zu den wenigen materiellen Überresten aus der Synagoge Kriegshaber, die sich in Augsburg erhalten haben. Ihre Verwendung fand sie bei der wöchentlichen Lesung aus der Tora.

Die Tora, die fünf Bücher Mose, werden im liturgischen Gebrauch wie in der Antike aus einer Rolle gelesen, die im Tora-Schrein aufbewahrt wird. Während des Gottesdienstes kommen im Laufe des Jahres alle 54 Abschnitte, in die die Tora eingeteilt ist,  zum Vortrag. Das Stiften einer Tora-Rolle gehört zu den nobelsten Pflichten im Judentum.

Die Tafel führt auf ihrer Vorderseite in hebräischer Schrift die 31 Tora-Rollen mit den Namen ihrer Stifter auf, die die jüdische Gemeinde Kriegshaber im 19. Jahrhundert besaß. Die große Zahl entsprach dem Status einer wohlhabenden Gemeinde, die auf eine über zweihundertjährige Geschichte zurückblickte. Ähnlich wie der meiste Tora-Schmuck aus Schwaben gehörten auch Zweidrittel der Tora-Rollen in Kriegshaber einzelnen Gemeindemitgliedern, die sie der Synagoge zur Nutzung überließen. Die Löcher am Tafelrand dienten dazu, mit einem Stecker die Tora-Rolle zu kennzeichnen, die gerade genutzt wurde.

Die Tafel vermerkt auch Tauglichkeit, Reparaturen und Besitzerwechsel der Tora-Rollen. Offenbar wurde der Besitz innerhalb der Familien vererbt. Er ging auf den Sohn, zuweilen auf die Witwe über. Mehrfache Durchstreichungen, Korrekturen und Überklebungen zeugen von einem intensiven Gebrauch. Die Tafel ist beidseitig beschriftet, wobei die Namen auf der älteren Seite in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts weisen, diejenigen auf der Rückseite in die Zeit um 1865. Eine Identifizierung der Personen ist möglich, weil die Liste neben dem hebräischen Vornamen, der dem kultischen Kontext vorbehalten ist, auch den bürgerlichen Familiennamen nennt.

Ob die Liste auch nach 1865 weitergeführt wurde, ist ebenso wenig bekannt wie der Verbleib der Tora-Rollen. Es ist davon auszugehen, dass ein Teil von ihnen 1917 bei dem Zusammenschluss mit der Augsburger Kultusgemeinde in deren Besitz überging und im Zuge des Novemberpogroms 1938 zerstört oder geraubt wurde. Die Tora-Rollen, die in Kriegshaber blieben, gelten spätestens seit der NS-Zeit als verschollen.

Weder ist es bekannt, wie sich die Liste erhalten hat, noch, wer sie dem Museum übergeben hat.

 

Foto: Liste der Tora-Rollen; Pergament auf Eichentafel, beidseitig beklebt; H: 58 cm, B: 13,2 cm, T: 2,2 cm; Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, Inv.-Nr. 2004-289

© Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben/Franz Kimmel