Objekt des Monats – Tora-Vorhang, 1723/24

In unserer Zweigstelle Ehemalige Synagoge Kriegshaber zeigen wir aktuell die Wechselausstellung Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? Judaica aus dem Umfeld der Synagoge Kriegshaber. Bis zur Finissage am 17. Juni stellen wir jeden Monat eins der 23 Objekte und seine Geschichte vor.

Tora-Vorhang, Fürth 1723/24

Ein Tora-Vorhang, hebr. Parochet, hängt in der Synagoge oder im privaten Bethaus vor dem Schrein, in dem die Tora-Rollen aufbewahrt werden. Er markiert die Trennung zwischen sakralem und profanem Raum.

Im aschkenasischen Raum leitet sich die Verwendung von dem Vorhang vor dem Allerheiligsten im Jerusalemer Tempel ab. Damit erinnert er stets auch an die Zerstörung des jüdischen Zentralheiligtums 70 n. d. Z. durch die Römer, an die darauffolgende Transformation vom Opfergottesdienst zum Wortgottesdienst sowie an die sich anschließende Entwicklung des rabbinischen Judentums.

Der in der Ausstellung gezeigte Parochet aus Seidensamt mit Gold- und Silberstickerei ist 2,49 m hoch und 1,47 m breit. Er wurde 1723/24 in Mittelfranken in der Werkstätte des berühmten Goldstickers Elkana Schatz Naumberg hergestellt, der sich in einer Kartusche im unteren Bereich selbst verewigte: „die Arbeit meiner Hände mit Gottes Hilfe, Elkana, Schaliach Zibbur [Vorbeter] in Fürth.“

In der unteren Kartusche hat sich Elkana Schatz Naumberg verewigt.

 

 

 

 

 

 

 

Der Vorhang enthält nicht nur die Erinnerung an den Produzenten, sondern auch an die Stifter. Oben heißt es unter der „Krone der Tora“: „Gestiftet von dem Vorsteher Rabbi Jehuda Löw [auch Löb/Leib], Sohn des Landesvorstehers Rabbi Simon Ulmo seligen Angedenkens, und seiner Frau Gnendle, Tochter des Landesvorstehers Rabbi Issachar Ber [auch Bär], möge der Herr ihn beschützen.“

In der oberen Kartusche haben sich die Stifter verewigen lassen.

Dieser ist wohl Jehuda Löw Ulmo d. Ä. (gest. 30.1.1739), der als Hoflieferant u. a. für den Augsburger Fürstbischof bzw. für das Augsburger Hochstift tätig war. Mit der Stiftung dieses kostbaren Parochet schrieb sich die Familie Ulmo in die Geschichte und Kultur der jüdisch-schwäbischen Landschaft ein und hält bis heute die Erinnerung an sich selbst wach.

Es ist nicht zweifelsfrei nachweisbar, dass der Vorhang von Anfang an für die Synagoge in Kriegshaber bestimmt war. Aber es gibt aus dieser Zeit vermehrt Hinweise auf eine Einweihung oder Neu-Weihe der dortigen Synagoge, die möglicherweise Anlass für die Stiftung durch das Ehepaar Ulmo war. 1916 erfolgte die freiwillige Eingemeindung der eigenständigen Ortschaft Kriegshaber in die Stadt Augsburg. Ein Jahr später wurde die große Synagoge in der Innenstadt eingeweiht, in diesem Zug schloss sich die kleine jüdische Gemeinde Kriegshabers der Innenstadtgemeinde an.

Dabei gelangte der Parochet in die Synagoge in der Innenstadt, wo er während des Novemberpogroms 1938 auf bis heute ungeklärte Weise entwendet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte er im Handel auf, gelangte in den Besitz eines privaten Sammlers in New York und wurde später dem Israel Museum in Jerusalem gestiftet.

 

Fotos: Tora-Vorhang / Parochet, Fürth, 1723/24; Sticker: Elkana Schatz Naumberg (auch Elkone Naumburg); Seidensamt mit Gold- und Silberstickerei; H: 249 cm, B: 147 cm; The Israel Museum, Jerusalem, Stiftung der Familie Moldovan, New York an die American Friends of the Israel Museum, Inv.-Nr. B03.0774
© The Israel Museum, Jerusalem by Avshalom Avital