Objekt des Monats – Tora-Schild, wohl Mitte 18. Jahrhundert

In unserer Zweigstelle Ehemalige Synagoge Kriegshaber zeigen wir aktuell die Wechselausstellung Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? Judaica aus dem Umfeld der Synagoge Kriegshaber. Bis zur Finissage am 17. Juni stellen wir jeden Monat eins der 23 Objekte und seine Geschichte vor.

 

Tora-Schild (hebr. Tass) mit Ulmo-Wappen, Stuttgart, wohl Mitte 18. Jahrhundert

Tora-Schilder gehören im west- und mitteleuropäischen Raum spätestens seit dem 16. Jahrhundert zum Schmuck der Tora-Rolle. Die Pergamentrolle mit dem Text der Fünf Bücher Mose ist der heiligste Kultgegenstand im Judentum. Der kostbare Schmuck, mit dem sie umgeben wird, unterstreicht deren Bedeutung sowie die Autorität biblischer Gebote und Weisungen.

Im Unterschied zu der Tora-Krone, die alleine der symbolischen Verschönerung des Gebots dient, entwickelte sich das Tora-Schild zunächst aus der praktischen Notwendigkeit, einzelne Tora-Rollen bestimmten Festen zuzuordnen. In der Mitte des Schildes markiert ein austauschbarer Schieber den Feiertag, im vorliegenden Fall den Schabbat, an dem aus der Rolle vorgelesen wird.

Der Hersteller dieses Tora-Schildes, ein namentlich unbekannter christlicher Silberschmied aus Stuttgart, verband in seiner Arbeit zeittypischen, barocken Dekor wie die muschelförmigen Rocaillen mit Elementen der jüdischen Tradition, die ihm sein Auftraggeber vorgegeben hatte. Zu den letzten zählen etwa die beiden verdrehten Säulen, die an die bronzenen Säulen des Salomonischen Tempels, Jachin und Boas, erinnern, die in 1. Könige 7,13–22 beschrieben werden. Die zwei auf den Säulen thronenden Löwen stehen in diesem Kontext symbolisch für den israelitischen Stamm Juda, auf den sich Juden traditionell zurückführen. Die Krone, die die Tiere stützen, versinnbildlicht die Autorität der Tora.

Verweisen diese Elemente, die für Tora-Schilder dieser Zeit typisch sind, auf den Jerusalemer Tempel und auf die Autorität der Gebote, so erinnert ein in den Dekor integriertes Wappen wohl an den jüdischen Auftraggeber. Auf dem Wappen unterhalb des Schiebers für den Feiertag ist ein diagonales Band mit drei Sternen abgebildet. Eine fast identische Darstellung findet sich auf etlichen Grabsteinen der Familie Ulmo auf dem jüdischen Friedhof in Kriegshaber.

Als möglicher Stifter lässt sich der aus Kriegshaber stammende David Ulmo – gestorben 1782 – identifizieren, der 55 Jahre lang als Hoffaktor in Stuttgart tätig war. Als solcher versorgte er die württembergischen Herzöge mit Geld, Kriegsgerät und Luxusgütern. Obwohl er eine privilegierte Stellung am Hof besaß, bargen seine Unternehmungen große finanziellen Risiken und blieben stets vom Wohlwollen des Fürsten abhängig.

Das Wappen verweist auf das Selbstverständnis einer der vornehmsten jüdischen Familien Schwabens und die Vertrautheit ihrer Angehörigen mit höfischen Insignien. Doch das mag nicht darüber hinweg täuschen, dass Adel und Fürsten die jüdischen Hoffaktoren oft nur aus Nützlichkeitskalkül in ihrer Nähe duldeten.

 

Fotos: Tora-Schild/Tass; Stuttgart, wohl Mitte des 18. Jahrhunderts; Silber, teilweise vergoldet, getrieben, graviert, punziert, gegossen; H: 30,5 cm, B: 25,5 cm; Jüdisches Museum der Schweiz, Basel,  Inv.-Nr. 1177
© Jüdisches Museum der Schweiz, Basel