Objekt des Monats – Kissenplatte, 1614

In unserer Zweigstelle Ehemalige Synagoge Kriegshaber zeigen wir aktuell die Wechselausstellung Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? Judaica aus dem Umfeld der Synagoge Kriegshaber. Bis zur Finissage am 17. Juni stellen wir jeden Monat eins der 23 Objekte und seine Geschichte vor.

 

Kissenplatte mit Beschneidungsmotiv, Süddeutschland 1614

Zweitältestes Exponat der aktuellen Wechselausstellung in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung? ist ein Kissenbezug, eine sog. Kissenplatte. Dank der kunstvoll aufgestickten Widmung wissen wir, dass das Kissen im Jahr 1614 für die Beschneidung eines Sohns von „Jakob, Sohn des Simon Ulmo seligen Angedenkens und seine Gattin Breinle, Tochter des Bruders Abraham Mose seligen Angedenkens“ angefertigt wurde. Den Namen des Jungen, der mit der Beschneidung in die jüdische Gemeinde aufgenommen wurde, erfahren wir nicht.

Das Objekt ruft die Erinnerung an eine der bedeutendsten jüdischen Familien Schwabens in der Frühen Neuzeit wach, die Familie Ulma/Ulmo. Anfang des 17. Jahrhunderts lebte sie in Günzburg, damals das jüdische Zentrum der Markgrafschaft Burgau und Sitz eines weit über die Grenzen der Region hinaus bedeutenden Rabbinatsgerichts. Keine vier Jahre nach der Beschneidung des Ulmo-Sohnes, an die dieses Objekt erinnert, vertrieb Markgraf Karl die Juden aus seiner Residenzstadt. Daraufhin baute sich die Familie einen neuen Lebensmittelpunkt in Burgau auf, verlagerte diesen aber bald weiter in die neu entstandenen jüdischen Gemeinden vor der Reichsstadt Augsburg: Oberhausen, Kriegshaber, Pfersee und Steppach.

Detail: Einhorn

Einige der gestickten Motive – Spiel- und Jagdszenen – lassen eine große Nähe zum damaligen höfischen Stil erkennen. Motive wie das unschuldig verfolgte Einhorn oder der seine Jungen mit seinem eigenen Blut nährende Pelikan zeigen zudem die Verschränkung jüdischer und christlicher Kulturtraditionen. Andere Szenen wie das Brettspiel, das bei der der Beschneidung vorausgehenden Wachnacht den Schlaf vertreiben soll, verweisen auf das Beschneidungsritual (Brit Mila) selbst. Es wird am achten Tag nach der Geburt eines jüdischen Jungen von einem dafür eigens ausgebildeten Mohel vollzogen. In Erinnerung an Gottes Bund mit Abraham nimmt das Ritual den Jungen individuell in diesen Bund auf. Es ist ein konstitutives Gebot der Tora, dessen Ausübung mit der Religionsfreiheit garantiert wird. Um das Ritual haben sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Bräuche entwickelt, wie selten erhaltene Kissen und eigene Beschneidungsstühle oder -bänke, auf denen ein Sitz immer für den Propheten Elija reserviert ist. Als Zeuge für das Einhalten des Gebots geladen, hält seine Erwähnung zugleich die Hoffnung auf die Ankunft des Messias präsent.

Wir wissen nicht, wie oft das Kissen nach der ersten Beschneidung noch verwendet wurde. Ebenso ist unbekannt, wie es in die Textilsammlung Iklé in St. Gallen gelangte. Von dort erwarb es 1989 der Freiwillige Museumsverein Basel und stellte es dem Jüdischen Museum der Schweiz als Dauerleihgabe zur Verfügung.  Nun erinnert es in Kriegshaber an diese komplexen Zusammenhänge.

Fotos: Kissenplatte mit Beschneidungsmotiv, Süddeutschland 1614; Leinen, bestickt; H: 86 cm, B: 81 cm; Jüdisches Museum der Schweiz, Basel, Dauerleihgabe des Freiwilligen Museumsvereins Basel, Inv.-Nr. 1198; © Jüdisches Museum der Schweiz, Basel